Albanien – Land der Gegensätze

Vlora 22 Dezember 2025. Ich sitze auf dem Balkon der Wohnung die ich für einen Monat gemietet habe und schaue aufs Meer.


Vlora liegt in einer Bucht, eingehüllt von Bergen, ist sie vor Wind und starken Wellen schützt. Vormals war der Schutz vor Angriffen von der See, auch ein Grund das sie so früh (bereits im 6Jhr. v Chr.) besiedelt wurde. Die Lage war auch der Grund warum die Sowjets im kalten Krieg dort die einzige Militärbasis im Mittelmeer errichtet hatten. Nachdem Enver Hoxa Anfang der 70er Jahre das Bündnis mit der Sowjetunion aufkündigte, [^1] wurde sie von der albanischen Marine übernommen. Soweit in aller Kürze zur Stadt. Mehr Informationen kommen noch in weiteren Beiträgen.

Warum ausgerechnet Albanien?

So beginnen viele Reiseberichte die ich gelesen habe. Und die Frage ist angesichts des Rufes, den das Land noch hat durchaus verständlich. Oder woran denkst du, wenn du an Albanien denkst? Ich als Hamburger verbinde die brutalen Zeiten auf der Reperbahn mit dem Land. Damals wollten albanische Clan’s die Vormacht auf dem Kiez übernehmen. Es gab Schießereien und Messerstechereien, in die ich auch einmal geraten war und in der ein Freund verletzt wurde. Eine nie gekannte Gewalt war plötzlich da. Das ging soweit, das die Kiezgrößen mit der Polizei zusammen arbeitete. Letztlich gewann diese absurde Koalition, die natürlich nie offziell war.


Inzwischen habe ich gelernt, man deutlich unterscheiden muss, zwischen den Clans, den, Drogenkartellen, der Albanischen Mafia und den normalen Albanern. Was man als Mensch in Albanien erlebt ist Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und offene Menschen. Von der Mafia bekommt auch der normale Bürger kaum etwas zu sehen, ein Tourist schon gar nicht.

Es gibt zwar Dörfer in die man lieber nicht gehen sollte, die auch von der Polizei gemieden werden, aber im Alltag spielt das keine Rolle, schon gar nicht in den Städten.


Ich erlebe das Land und die Menschen so wie ich es in Berichten gelesen habe. Die Menschen sind überaus freundlich und Hilfsbereit. Sie lieben den Westen, insbesondere die EU (Seit 2024 laufen Beitrittsverhandlungen). Wir sind im Land willkommen und das nicht nur wegen des Geldes, wobei der Tourismus inzwischen ein großer Faktor ist (2024 kamen über 11 Millionen Touristen in das Land).


Aber noch einmal zurück zur Ausgangsfrage, warum ausgerechnet Albanien: Es ist noch unberührt und günstig, lautet oft die Antwort. Beides stimmt nur noch in Teilen, aber dazu später mehr. Aber für mich, mit meinem extrem knappen Budget war zuerst der Hauptgrund, das ich hier am günstigsten eine Wohnung für einen Monat mieten konnte. Denn Ursprünglich wollte ich nur meinen nächsten Roman fertig schreiben und dem gewohntem Alltag zuhause entkommen. Der Reiz des Landes erschloss sich mir erst, nachdem ich mich näher mit ihm beschäftigt habe.


Umso mehr ich über das Land las und hörte, umso klarer wurde, das ich hier auch etwas anderes schreiben werde. Das Land, seine Geschichte und Gesellschaft sind einfach zu spannend, um sie nur als „Arbeitsplatz“ zu sehen. Hier prallen die Gegensätze, die jede Gesellschaft ausmacht aufeinander. Ich habe den Eindruck man könne die Bedürfnisse der Menschen hier, wie unter einem Mikroskop untersuchen, denn es ist alles in der Entwicklung, die nicht immer positiv ist.


Kapitalistisches Denken ist hier noch neu und wird von deutlich mehr Menschen kritisch gesehen, als in westlichen Ländern. Zum einem wollen viele die Öffnung zum Westen, mehr Geld und Luxus, wie ein Bekannter sagte. Zum Anderen zählen menschliche Werte, die Familie, die Art des Umganges miteinander viel mehr, als ich es woanders beobachte. Und noch einmal, dieser „Konflikt“ ist hier noch neuer. Bis 1991 hatten die Menschen nur ihre Gemeinschaften. Luxusgüter, Wohlstand, Reisen, freie Wahl der Arbeitspläte gab es ebensowenig wie freie Meinungsäußerung. Schon ein kritischer Eintrag im persönlichen Tagebuch konnte zu Jahrzehnten Zwangsarbeit führen. (Franziska Tschinderle – Albanien – Verlag Czernin)

Ein kurzer Abriss der Geschichte

Albanien war über 400 Jahre, bis zum 28. November 1912 unter der Herrschaft des osmanischen Reiches. Bis heute ist dies, der wichtigsten Feiertag Albaniens. Nach turbulenten Jahren der Neufindung krönte sich Ahmet Zogu, der damals Ministerpräsident war, zum König. So war Albanien bis die italienischen Truppen, unter Mussolini, am 7. April 1939 das Land besetzen, ein Königreich.
Als Italien am 8. September 1943 kapitulierte besetzten deutsche Truppen das Land [^2]


1944 übernahmen Kommunisten, unter der Führung Enver Hoxer, die Regierung. Er blieb bis zu seinem Tod am 11. April 1985 an der Macht. Sein Todestag ist auch heute noch für einen Teil der Albaner Feier-, für andere ein Trauertag. Diese Zeit prägt das heutige Albanien bis heute und wird daher auch immer wieder ein Thema in meinen Berichten sein.


Am 20. Februar 1991 wurde das kommunistische Regiem gestürzt. Bis dahin war es vom Rest der Welt isoliert. Niemand durfte, ohne besondere Genehmigung, das Land verlassen oder betreten.


Nach wieder einmal unruhigen Jahren, wurde das Land das Land, mit den ersten offiziellen freien Wahlen eine Demokratie.

Zunächst gewann die ehemals kommunistische Partei, die sich lediglich von Partei der Arbeit in sozialistische Partei (PS) umbenannt hatte, die Wahlen. Nach einem Generalstreik musste die zurücktreten. Ab April 1992, nach den ersten wirklich freien Wahlen, wurde das Land von der demokratischen Partei (PD) regiert.


Die Demokraten blieben bis 1997 an der Regierung.
Eine katastrophale wirtschaftliche Krise, welche die bis heute nicht verschwundene gesellschaftliche Spaltung wieder aufflammen ließ gipfelte im sogenannten Pyramiden- oder auch Lotterieaufstand, ein blutiger Bürgerkrieg. In dessen Folge übernahm die Sozialistische Partei die Regierung. Noch immer waren dort viele der Vertreter des Regimes vertreten, die Geschäfte des Landes.

2005 bis 2013 regierten noch einmal die Demokraten. Seit dem 10. September 2013 führt der sehr umstrittene Edi Rama die Amtsgeschäfte. Er ist inzwischen in seiner 4. Amtszeit. Es gibt viele Stimmen die ihn als Alleinherrscher des Landes sehen.

(Dazu ganz aktuell: Proteste gegen Edi Rama  . Gerade kam noch die Meldung dass Sali Berisha, der bis 2013 Ministerpräsident war, die oppositionellen Kräfte einlädt sich den Protesten anzuschließen. Es könnte also wieder spannend werden in den geteilten Land: 22.12.2025) 


Und nach diesen trockenen Fakten mache ich einen Spaziergang am Meer, gehe schwimmen und schreibe später weiter.

Footnotes

[^1]: Im November 1960 reiste Hoxa das letzte Mal ins Ausland. Auf der Konferenz der kommunistischen Staaten, kam es zum offenen Bruch mit der Sowjetunion, in dessen Folge er das Bündnis mit der Sowjetunion aufkündigte. Seiner Ansicht nach verrieten die anderen Staaten, das kommunistische Erbe Stalins. ([[Albanien – Referenzen#1) Franziska Tschinderle – Albanien – Verlag Czernin|Franziska Tschinderle – Albanien – Verlag Czernin]] Seite 24). (für Literaturinteressierte: Ismall Kadare – Der große Winter – Roman 1977).


[^2]: [[Albanien – Referenzen#2) Wikipedia https //de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Albaniens|Wikipedia]]

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